01/08/2026
Drei Jahre nach dem Hagel in Benediktbeuern.
Was ist geblieben?
Warum schreibe ich erst jetzt darüber?
Weil mich dieses Thema seit drei Jahren umtreibt.
Und weil man manche Dinge vielleicht erst dann schreiben sollte, wenn etwas Ruhe eingekehrt ist und man nicht mehr ausschließlich mit Schaum vor dem Mund vor dem Rechner sitzt.
Im August vor drei Jahren hat der Hagel Benediktbeuern und die Umgebung innerhalb weniger Minuten zerlegt.
Nicht ein bisschen Hagel.
Nicht drei kaputte Dachziegel und eine verbeulte Motorhaube.
Sondern ein Großschadensereignis.
Dächer kaputt.
Fassaden kaputt.
Fenster kaputt.
Autos kaputt.
Gärten und sonstige Besitztümer kaputt.
Jeder der dabei war, kann isch noch genau erinnern.
Bei einigen Menschen stand nicht nur das Dach, sondern die gesamte wirtschaftliche Existenz auf der Kippe.
Bei einem solchen Ereignis lernt man einiges.
Als Erstes lernt man, dass die Natur gnadenlos ist.
Der Natur ist es scheißegal, ob das Geld gerade reicht.
Ob das Haus abbezahlt ist.
Ob Rücklagen vorhanden sind.
Ob man versichert ist.
Ob der Zeitpunkt gerade ungünstig ist.
Die Natur fragt nicht.
Sie kommt.
Und innerhalb weniger Minuten ist es vorbei mit:
„Das wird schon gut gehen.“
Man lernt aber auch einiges über Menschen.
Sehr viel Gutes.
Hilfsbereitschaft.
Zusammenhalt.
Nachbarschaftshilfe.
Menschen, die einfach angepackt haben, ohne vorher zu fragen, was für sie dabei herausspringt.
Aber man lernt leider auch, dass es Menschen gibt, die selbst jemanden, dessen Existenz gerade in Scherben liegt, noch gnadenlos über den Tisch ziehen.
Ohne Hemmung.
Ohne schlechtes Gewissen.
Hauptsache, es bleibt etwas hängen.
Nach dem Hagel war plötzlich jeder Dachdecker.
Maurer.
Schreiner.
Kfz-Mechaniker.
Hausmeister.
Hausmeisterservice.
Der Cousin vom Bekannten eines Arbeitskollegen.
Alles, was irgendwie eine Leiter hochkam und sich zutraute, einen Dachziegel in die Hand zu nehmen, stand plötzlich auf einem Dach.
Teilweise auf völlig zerstörten Dächern.
Von Dachdeckerarbeiten keine Ahnung.
Von Spenglerarbeiten keine Ahnung.
Von Unterdeckungen keine Ahnung.
Von Anschlüssen keine Ahnung.
Von Arbeitssicherheit erst recht keine Ahnung.
Aber schnell waren sie.
Und unbürokratisch.
Das wurde dann sogar noch hochgelobt.
„Die haben sofort geholfen.“
Ja.
Sie haben sofort irgendetwas gemacht.
Das ist nicht automatisch Hilfe.
Unter dem Zauberwort „Gefahr im Verzug“ wurde praktisch alles über Bord geworfen, was man sich vorstellen kann.
Fachregeln.
Sicherheit.
Vernunft.
Und teilweise auch der gesunde Menschenverstand.
Hauptsache, schnell wieder ein paar Ziegel aufs Dach.
Hauptsache, von unten sieht es wieder nach Dach aus.
Was unter den Ziegeln war, hat kaum jemanden interessiert.
Kaputte Unterdeckung?
Egal.
Zerstörte Anschlüsse?
Egal.
Beschädigte Dachziegel mit Haarrissen?
Sehen doch noch gut aus.
Der Hausbesitzer erkennt das nicht.
Woher auch?
Der sieht von unten wieder Ziegel auf seinem Dach und denkt, die Sache sei erledigt.
War sie aber nicht.
Der erste Winter hat bei vielen Dächern gezeigt, was dort teilweise zusammengeschustert worden war.
Wasser ist in die Haarrisse der vermeintlich noch brauchbaren Dachziegel eingedrungen.
Dann kam Frost.
Die Ziegel sind aufgeplatzt.
Das Dach war wieder undicht.
Das Haus wieder nass.
Und dann durfte der Fachbetrieb kommen, den ganzen Mist wieder abdecken und noch einmal richtig machen.
Nur bezahlen wollte die Versicherung davon häufig nichts mehr.
Denn das Dach sei nach dem Hagel schließlich bereits instand gesetzt worden.
Schaden erledigt.
Akte zu.
Dass die angebliche Instandsetzung fachlich mangelhaft war, beschädigte Ziegel wiederverwendet wurden und das Dach deshalb beim ersten Frost erneut undicht wurde, interessierte plötzlich niemanden mehr.
Der Eigentümer hatte dann ein zum zweiten Mal kaputtes Dach, zwei Rechnungen und eine Versicherung, die erklärte, sie habe mit der Sache nichts mehr zu tun.
Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen.
Zuerst wird eine schnelle Billigreparatur akzeptiert oder durch Kürzungen und Zeitdruck praktisch erzwungen.
Wenn diese Reparatur erwartungsgemäß nicht funktioniert, heißt es hinterher:
„Das Dach wurde doch bereits repariert.“
Ja.
Repariert vielleicht.
Fachgerecht instand gesetzt ganz offensichtlich nicht.
Und bevor jetzt jemand meint, ich würde irgendwelche Geschichten vom Hörensagen erzählen:
Nein.
Das haben wir selbst erlebt.
Wir haben diese Dächer gesehen.
Wir haben die Schäden aufgenommen.
Wir haben mit den Eigentümern gesprochen.
Und wir haben später teilweise versucht, das zu retten, was andere vorher angeblich bereits repariert hatten.
Wir haben uns damals bewusst damit zurückgehalten, einfach jeden Auftrag anzunehmen.
Nicht weil wir keine Arbeit wollten.
Arbeit war mehr als genug vorhanden.
Sondern weil wir die Leute nicht sehenden Auges in eine finanzielle Falle laufen lassen wollten.
Am Anfang hieß es nämlich überall:
„Machen Sie nur.“
„Das wird alles bezahlt.“
„Das ist überhaupt kein Problem.“
„Wir lassen unsere Versicherten nicht im Regen stehen.“
Später war es dann doch ein Problem.
Dann hieß es:
„So war das nicht gemeint.“
„Das wurde falsch verstanden.“
„Dazu war der Mitarbeiter nicht befugt.“
Oder mein persönlicher Favorit:
„Das war eine Fehlauskunft.“
Fehlauskunft ist das freundliche Wort für eine sehr eindeutige Aussage, an die sich später plötzlich niemand mehr erinnern möchte.
Das Wort Lüge wollen wir natürlich nicht verwenden.
Wir sind ja anständig.
Wovon viele Auftraggeber ausgehen, ist Folgendes:
Der Handwerker repariert das Dach und wird anschließend von der Versicherung bezahlt.
Nicht vom Hauseigentümer.
Das ist aber schlicht falsch.
Der Auftrag kommt vom Hauseigentümer.
Die Rechnung geht an den Hauseigentümer.
Und der Hauseigentümer muss sie bezahlen.
Was er anschließend von seiner Versicherung erstattet bekommt, ist eine andere Geschichte.
Für viele fühlt es sich trotzdem so an, als würden wir direkt für die Versicherung arbeiten.
Wenn die Versicherung kürzt, verzögert oder gar nichts bezahlt, heißt es deshalb plötzlich:
„Dann kann ich eure Rechnung auch nicht bezahlen.“
Doch.
Genau da liegt das Problem.
Wir sind keine Bank.
Erst recht nicht die Bank von England.
Wir können nicht monatelang Löhne, Material, Fahrzeuge, Gerüste, Sozialabgaben, Steuern und sämtliche anderen Kosten vorfinanzieren, nur weil sich Versicherung und Sachverständiger gegenseitig Briefe schreiben.
Unsere Lieferanten finden es ebenfalls eher mäßig lustig, wenn wir ihnen erklären:
„Wartet bitte noch ein halbes Jahr. Der Sachverständige denkt noch nach.“
Wir können auch nichts dafür, wenn eine Versicherung vorher große Versprechen macht und sich später an diese Versprechen nicht mehr erinnern möchte.
Wir haben die Eigentümer immer wieder darauf hingewiesen, unsere Angebote vor Beginn der Arbeiten bei ihrer Versicherung einzureichen.
Nicht nur einmal.
Wir haben ihnen gesagt:
Lasst euch die Kostenübernahme schriftlich und verbindlich bestätigen.
Mündliche Versprechen helfen euch später überhaupt nichts.
Trotzdem wurde das häufig ignoriert.
Teilweise aus Angst.
Teilweise aus Ungeduld.
Teilweise, weil irgendein Versicherungsvertreter gesagt hatte:
„Machen Sie ruhig. Das wird schon passen.“
Nein.
Es passt eben häufig nicht.
Wir haben dadurch Aufträge verloren.
Weil andere sofort angefangen haben.
Weil andere alles versprochen haben.
Weil andere gesagt haben, die Versicherung werde das schon bezahlen.
Wir hätten das auch sagen können.
Dann hätten wir mehr Aufträge gehabt.
Aber wir hätten unsere Kunden unter Umständen in eine finanzielle Schieflage gebracht.
Darauf hatten wir keine Lust.
Diejenigen, die sich auf unsere Vorgehensweise eingelassen haben, sind am Ende sehr gut damit gefahren.
Weil fachlich geprüft wurde.
Weil die Versicherung vorher eingebunden wurde.
Weil nicht hektisch irgendetwas zusammengebastelt wurde.
Und weil das Vertrauen, das uns entgegengebracht wurde, gerechtfertigt war.
Besonders lustig wird es immer dann, wenn die Versicherung nach Abschluss der Arbeiten das große Kürzen anfängt.
Hier werden Stunden gestrichen.
Dort Materialpreise heruntergesetzt.
Der Mittellohn wird mal eben um dreißig Euro reduziert.
Notwendige Leistungen verschwinden komplett aus der Abrechnung.
Und warum?
„Eine andere Firma macht das günstiger.“
Ja, bestimmt.
Es findet sich immer jemand, der es günstiger macht.
Es findet sich auch immer jemand, der es nicht kann.
Oft ist das derselbe.
Wir haben in den betroffenen Gebieten immer mit denselben Kalkulationsgrundlagen gearbeitet.
Derselbe Betrieb.
Dieselben Mitarbeiter.
Dieselben Löhne.
Dieselben Materialpreise.
Dieselben Aufmaßregeln.
Dieselben Fachregeln.
Und trotzdem war ein Angebot bei einem Gebäude vollkommen in Ordnung und fünf Häuser weiter angeblich völlig überzogen.
Eine Sachverständige hat sich ein Gebäude persönlich angesehen.
Sie hat geprüft.
Sie hat nachgefragt.
Sie hat das Angebot verstanden.
Und sie hat es freigegeben.
Dasselbe Angebot.
Dieselben Preise.
Dieselben Positionen.
Fünf Häuser weiter kam der nächste Sachverständige und erklärte:
Braucht man nicht.
Gibt es nicht.
Ist nicht versichert.
Ist falsch kalkuliert.
Da fragt man sich schon, ob die Versicherungsleistung tatsächlich vom Schaden abhängt oder davon, welcher Sachverständige morgens aus welchem Bett gestiegen ist.
Wir hatten sogar einen Kfz-Sachverständigen, der Dachdeckerarbeiten beurteilen sollte.
Das ist ungefähr so, als würde ich morgen einen Getriebeschaden an einem Mercedes begutachten, weil ich gelegentlich Auto fahre.
Wir hatten angebliche Sachverständige vor Ort, die weder einen Meterstab noch einen Stift noch irgendetwas zum Schreiben dabeihatten.
Dafür Jogginghose und Handy.
Bilder konnten sie machen.
Ob man eine Dachkonstruktion durch Heranzoomen fachlich bewerten kann, weiß ich bis heute nicht.
Der beste Fall war eine vorhandene Brandwand.
Wer sich damit auskennt, weiß, dass das nicht mit zwei Mineralwollresten und einem Eimer Mörtel erledigt ist.
Der komplette Bereich musste geöffnet werden.
Die Brandwand musste fachgerecht an den Dachbereich angeschlossen und ausgemörtelt werden.
Brennbare Baustoffe und Wärmedämmungen mussten zurückgenommen werden.
Die erforderlichen Bereiche mussten mit nichtbrennbaren Baustoffen ausgebildet werden.
Danach musste die gesamte Dachfläche wieder fachgerecht geschlossen werden.
Ein Riesenakt.
Haben wir gemacht.
Nicht weil uns langweilig war.
Sondern weil eine Brandwand ihren Namen nicht deshalb trägt, weil dort ungefähr eine Wand steht.
Sie soll im Brandfall eine Aufgabe erfüllen.
Und zwar eine ziemlich wichtige.
Der zuständige Sachverständige war allerdings nicht auf dem Dach.
Er stand unten.
Er machte ein Foto.
Und meinte offenbar, damit sei die Begutachtung abgeschlossen.
Nach Ausführung der Arbeiten wollte ausgerechnet dieser Sachverständige von uns den Nachweis haben, dass dort überhaupt eine Brandwand vorhanden ist.
Das muss man sich einmal vorstellen.
Der Mann soll feststellen, welche Arbeiten erforderlich sind.
Er schaut sich den entscheidenden Bereich aber überhaupt nicht an.
Wir öffnen das Dach.
Wir legen die Brandwand frei.
Wir führen die notwendigen Arbeiten aus.
Und hinterher sollen wir ihm beweisen, dass das Bauteil vorhanden ist, das er selbst gesehen hätte, wenn er seine Arbeit gemacht hätte und auf das Dach gestiegen wäre.
Da fällt dir nichts mehr ein.
Gutachten per Handyfoto.
Ein bisschen hineinzoomen.
Kontrast hochdrehen.
Und schon ist man offenbar Dachdeckermeister, Brandschutzfachmann und Sachverständiger in einer Person.
Die vorher erwähnte Sachverständige hatte es anders gemacht.
Sie war auf dem Dach.
Sie hat sich den Aufbau angesehen.
Sie hat erkannt, dass dort eine Brandwand vorhanden ist.
Sie hat verstanden, welche Arbeiten notwendig sind.
Und sie hat gesagt:
„Jawohl. Das muss so ausgeführt werden.“
Thema erledigt.
Keine wochenlangen Nachfragen.
Keine sinnlosen Nachweise.
Keine Diskussion darüber, ob ein Bauteil vorhanden ist, das man bei einer ordentlichen Besichtigung selbst gesehen hätte.
Einfach anschauen.
Verstehen.
Entscheiden.
Eigentlich sollte man meinen, dass genau das die Aufgabe eines Sachverständigen wäre.
Ein Foto kann eine Dokumentation sein.
Es ersetzt aber keine Besichtigung.
Schon gar nicht dann, wenn der entscheidende Bereich auf dem Foto überhaupt nicht sichtbar ist.
Ein weiteres schönes Beispiel war der Schneefang.
Auf sehr vielen älteren Dächern in unserer Gegend liegt die alte, besandete Frankfurter Pfanne.
Die Oberfläche dieser Dachsteine war rau.
Der Schnee konnte sich auf dieser rauen Oberfläche wesentlich besser halten und verzahnen.
Deshalb haben viele dieser Dächer bis heute keinen Schneefang.
Nicht weil die Menschen früher alle lebensmüde waren.
Sondern weil sich Schnee auf diesen alten, rauen Oberflächen vollkommen anders verhielt als auf einer heutigen, wesentlich glatteren Dacheindeckung.
Bei der neuen Deckung war diese raue Besandung nicht mehr vorhanden.
Der Schnee findet weniger Halt.
Er kann ins Rutschen kommen.
Und wenn sich unterhalb des Daches ein öffentlich zugänglicher Bereich befindet, ist das nicht irgendein theoretisches Problem.
Dann stehen oder laufen dort Menschen.
Deshalb hatten wir einen Schneefang angeboten.
Schneefangstangen.
Schneefanggitter.
Was auch immer für das betreffende Dach fachlich richtig gewesen wäre.
Aber einfach nichts vorzusehen, nur weil früher nichts vorhanden war, war aus unserer Sicht keine vernünftige Lösung.
Der Sachverständige strich den Schneefang trotzdem aus dem Angebot.
Begründung:
„Der war vorher auch nicht vorhanden.“
Da war sie wieder.
Dieselbe großartige Logik wie bei den Sturmklammern.
Vorher nicht vorhanden.
Also heute nicht erforderlich.
Wir haben erklärt, dass auf dem alten Dach besandete Frankfurter Pfannen lagen.
Wir haben erklärt, dass die raue Oberfläche den Schnee zurückgehalten hat.
Wir haben erklärt, dass sich das Verhalten des Schnees mit der neuen, glatteren Oberfläche verändert.
Die Antwort des Sachverständigen lautete sinngemäß:
„Das steht nirgends.“
Und weil es nirgends steht, gibt es das offenbar auch nicht.
Das ist dann der Moment, in dem aus fehlender Fachkenntnis eine Weltanschauung wird.
Was nicht in einem Prospekt steht, existiert nicht.
Was nicht in einer Norm beschrieben ist, kann nicht funktionieren.
Und was der Sachverständige nicht kennt, hat es vermutlich noch nie gegeben.
Nach dieser Logik hätten die Menschen früher überhaupt nichts bauen können.
Keine Kirchen.
Keine Klöster.
Keine Kathedralen.
Keine jahrhundertealten Dachstühle.
Keine Kuppeln.
Keine Gewölbe.
Diese Bauwerke wurden nicht ohne Sachverstand gebaut.
Sie wurden aber ohne DIN-App, ohne Google-Suche und ohne Herstellerprospekt gebaut.
Der Handwerker hat aufgrund seiner Ausbildung, seiner Erfahrung und seines Könnens verstanden, warum etwas funktioniert.
Das Wissen wurde über Generationen weitergegeben.
Man hat beobachtet.
Man hat ausprobiert.
Man hat aus Fehlern gelernt.
Und man hat sich auf den Sachverstand desjenigen verlassen, der das Gewerk tatsächlich beherrschte.
Die alten Handwerker haben also nicht ohne Regeln gebaut.
Ihre Regeln standen nur nicht alle in einem Ordner.
Heute haben wir dagegen Leute, die stundenlang in Normen und Vorschriften suchen, aber vollkommen vergessen haben, das Bauteil anzuschauen und ihr eigenes Hirn einzuschalten.
Eine Norm ist wichtig.
Eine Fachregel ist wichtig.
Eine Herstellervorgabe ist wichtig.
Aber keine Vorschrift ersetzt Sachverstand.
Und keine Suchfunktion ersetzt Denken.
Wer nur nach einem Satz sucht, in dem wortwörtlich steht, dass eine alte besandete Frankfurter Pfanne Schnee anders zurückhält als eine glatte Oberfläche, der hat das Grundproblem nicht verstanden.
Eine raue Oberfläche verhält sich anders als eine glatte.
Dafür braucht man nicht zwingend einen Werbeprospekt aus dem Jahr 1972.
Dafür muss man sich ein altes Dach anschauen.
Oder einmal beobachten, was Schnee auf einer rauen und was er auf einer glatten Dachfläche macht.
Das ist genau der Unterschied zwischen Wissen und Verstehen.
Der Sachverständige suchte einen Satz in einem Prospekt.
Wir betrachteten das tatsächliche Dach, die neue Oberfläche und den öffentlich zugänglichen Bereich darunter.
Trotzdem wurde der Schneefang gestrichen.
Weil er früher nicht vorhanden war.
Bei den Sturmklammern lief es genauso.
Wer eine Neuwertversicherung abgeschlossen und jahrelang bezahlt hat, erwartet zu Recht, dass ein zerstörtes Dach nach den heute geltenden Regeln wiederhergestellt wird.
Nicht so, wie es vor vierzig oder fünfzig Jahren einmal ausgeführt wurde.
Trotzdem wurden Sturmklammern teilweise aus den Angeboten gestrichen.
Begründung:
„Die waren vorher auch nicht vorhanden.“
Ja, logisch.
Vor vierzig Jahren waren viele Dinge nicht vorhanden, die heute vorgeschrieben oder technisch erforderlich sind.
Dann könnten wir nach derselben Logik auch alte Heizungsanlagen ohne heutige Sicherheitseinrichtungen einbauen.
Oder Autos ohne Airbags ausliefern.
War vorher schließlich auch nicht drin.
Bei den Sturmklammern kam immer wieder dieselbe Platte:
„War vorher nicht vorhanden.“
„Neuwertversicherung.“
„War vorher nicht vorhanden.“
„Heutige Fachregeln.“
„War vorher nicht vorhanden.“
Beim Schneefang:
„War vorher nicht vorhanden.“
„Andere Oberfläche.“
„Steht nirgends.“
„Öffentlich zugänglicher Bereich.“
„War vorher nicht vorhanden.“
So kann man natürlich jede fachliche Diskussion führen.
Man wiederholt seinen Satz einfach so lange, bis der andere entnervt aufgibt.
Irgendwann haben wir bei der Versicherung nicht mehr mit demjenigen gesprochen, der lediglich den Telefonhörer abnimmt und Textbausteine vorliest, sondern mit jemandem, der die Sache tatsächlich entscheiden konnte.
Und plötzlich hieß es bei den Sturmklammern:
Natürlich werden die bezahlt.
Alles andere wäre ja Schwachsinn.
Denn die Versicherung möchte beim nächsten Sturm nicht schon wieder dasselbe Dach bezahlen.
Ach was.
Manchmal schafft es der gesunde Menschenverstand tatsächlich bis in eine Versicherung.
Es dauert nur.
Es wurden außerdem veraltete Normen zitiert.
Teilweise Normen, die seit Jahrzehnten nicht mehr gelten.
Aufmaße wurden beanstandet, obwohl die Leute die dazugehörigen Aufmaßregeln nicht kannten.
Kalkulationen wurden gekürzt, obwohl sie offensichtlich keine Ahnung davon hatten, wie sich ein Handwerkerlohn zusammensetzt.
Bauteile wurden vom Gehweg aus beurteilt, die man nur auf dem Dach erkennen konnte.
Technische Zusammenhänge wurden bestritten, weil sie nicht wortwörtlich in irgendeinem alten Prospekt standen.
Aber auftreten konnten sie.
Mit einer Selbstsicherheit, da musste man fast neidisch werden.
Keine Ahnung.
Aber davon reichlich.
Ich nenne solche Leute bewusst Schwachverständige.
Nicht alle.
Es gibt sehr gute Sachverständige.
Es gibt fachlich starke Leute, die auf das Dach steigen, sich die Sache wirklich anschauen, Fragen stellen, zuhören und anschließend nachvollziehbare Entscheidungen treffen.
Aber es gibt eben auch die anderen.
Die fotografieren von unten.
Die suchen nach einem einzelnen Satz in einer Norm.
Und wenn sie weder auf dem Foto noch in ihrer Suchfunktion etwas finden, erklären sie einfach, dass es das nicht gibt.
Genau diese Leute richten mit ihren Entscheidungen bei den Geschädigten einen enormen Schaden an.
Nicht nur finanziell.
Sie kosten Zeit.
Sie kosten Nerven.
Sie verzögern die Arbeiten.
Und sie sorgen dafür, dass fachlich notwendige Leistungen gestrichen werden, nur weil sie selbst nicht verstanden haben, warum diese Leistungen notwendig sind.
Das ist kein Sachverstand.
Das ist Verwaltung von Unwissenheit.
Das Problem ist allerdings nicht nur der einzelne Sachverständige.
Das Problem ist das System dahinter.
Der Sachverständige sagt:
„Das bezahlt die Versicherung sowieso nicht.“
Die Versicherung sagt:
„Der Sachverständige hat es so festgestellt.“
Und beide schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu.
Solange am Ende eine kleinere Zahl herauskommt, scheint alles in bester Ordnung zu sein.
Der Geschädigte darf sich währenddessen durch Rückfragen, Nachweise, Stellungnahmen und immer neue Forderungen arbeiten.
Noch ein Schreiben.
Noch ein Formular.
Noch ein Foto.
Noch eine Begründung.
Noch eine Stellungnahme.
Noch eine Frist.
So lange, bis die Menschen mürbe sind.
Und das wissen die Versicherungen.
Menschen mit einem kaputten Haus haben normalerweise noch andere Sorgen, als sich jeden Abend stundenlang mit Versicherungsbedingungen, technischen Regeln und Gutachten herumzuschlagen.
Sie müssen arbeiten.
Sie haben Familie.
Sie organisieren Handwerker.
Sie leben teilweise monatelang in einer Baustelle.
Und irgendwann sagen viele:
„Dann lasst es halt.“
Genau darauf läuft es hinaus.
Papier drauf.
Zeit vergehen lassen.
Noch einmal nachfragen.
Noch einmal zurückweisen.
Noch einen Nachweis verlangen.
Irgendwann gibt einer auf.
Manches davon ist keine Panne.
Manches davon hat System.
Dann kommen wir zur Arbeitssicherheit.
Auch ein schönes Thema.
Wenn das eigene Dach kaputt ist, soll der Handwerker mal eben schnell nach oben.
Nur zwei Ziegel.
Nur eine Plane.
Nur schnell den Kamin abdecken.
Ein Gerüst sei zu teuer.
Dauere zu lange.
Und überhaupt könne man sich doch anschnallen.
Nein.
So funktioniert Arbeitsschutz nicht.
Ein Seil macht aus einem zerstörten Dach nicht automatisch eine sichere Arbeitsstelle.
Gerade bei großflächig beschädigten Dächern, losen Bauteilen und vollkommen unübersichtlichen Verhältnissen nicht.
Kollektivschutz geht vor Einzelschutz.
Das bedeutet in der Regel:
Gerüst.
Seitenschutz.
Sichere Zugänge.
Und nicht:
„Der wird schon nicht herunterfallen.“
Auch der Auftraggeber kann sich dabei nicht komplett dumm stellen.
Wer selbst nicht auf das Dach steigt, weil er weiß, dass er herunterfallen könnte, weiß auch, dass ein Handwerker herunterfallen kann.
Nur weil der Handwerker dafür bezahlt wird, setzt das die Schwerkraft nicht außer Kraft.
Wenn tatsächlich jemand herunterfällt, wird plötzlich sehr genau gefragt:
Wer hat die Arbeiten beauftragt?
Wer wusste von der Gefahr?
Wer hat die Situation geduldet?
Wer hätte die Arbeiten stoppen müssen?
Dann ist es vorbei mit:
„Der Handwerker muss das doch selbst wissen.“
Ja.
Muss er.
Aber deshalb darf ein Auftraggeber gefährliche Arbeiten trotzdem nicht sehenden Auges laufen lassen.
Dann kommen wir zu den Menschen, die überhaupt keine Versicherung hatten.
Weil so etwas bei uns nicht passiert.
Weil es das früher auch nicht gegeben hat.
Weil eine Versicherung Geld kostet.
Weil es bisher immer gut gegangen ist.
Diese Haltung ist nicht selten.
Nur ist Glück kein Versicherungsschutz.
Eigentum verpflichtet.
Ein Haus ist kein Sparschwein, aus dem man ausschließlich den Wohnwert herausnimmt.
Ein Haus kostet Geld.
Dach.
Heizung.
Wasserleitungen.
Fenster.
Fassade.
Abwasser.
Irgendwann ist etwas kaputt.
Das ist keine Überraschung.
Das ist der normale Lebenszyklus eines Gebäudes.
Wer keine Versicherung abschließt, muss entsprechende Rücklagen haben.
Wer keine Versicherung und keine Rücklagen hat, hat nicht gespart.
Er hat gehofft.
Und Hoffnung ist eine ziemlich beschissene Finanzierungsform.
Nach dem Hagel mussten viele unversicherte Eigentümer billig reparieren lassen.
Nicht weil sie alle geizig waren.
Teilweise schlicht, weil kein Geld vorhanden war.
Aber billig wurde dadurch nicht gut.
Viele haben zuerst eine billige Reparatur bezahlt und anschließend noch einmal die richtige.
Das ist dann doppelt teuer.
Es gibt das alte Sprichwort:
„Ich habe nicht genug Geld, um billig zu kaufen.“
Selten hat es besser gepasst.
Und dann kommt die Politik.
Auch dort muss man fair bleiben.
Es wurden Hilfen aufgelegt.
Das ist grundsätzlich besser, als die Menschen vollständig im Regen stehen zu lassen.
Keine Frage.
Nur waren manche Anträge so umfangreich, dass man sich überlegen musste, ob man besser das Formular ausfüllt oder sein Haus repariert.
Teilweise standen Aufwand und mögliche Hilfe in keinem vernünftigen Verhältnis.
Da sitzt man stundenlang über Anträgen.
Sammelt Belege.
Beantwortet Rückfragen.
Reicht Unterlagen nach.
Und am Ende kommt ein Betrag heraus, bei dem man sich fragt, ob man in dieser Zeit nicht besser zwei Tage arbeiten gegangen wäre.
Gleichzeitig wird mit der Gießkanne verteilt.
Versicherte.
Nichtversicherte.
Menschen mit Rücklagen.
Menschen ohne Rücklagen.
Menschen, die jahrelang vorgesorgt haben.
Menschen, die bewusst auf jede Vorsorge verzichtet haben.
Alle werden irgendwie in einen Topf geworfen.
Ich sage ausdrücklich nicht, dass ein unversicherter Mensch keine Hilfe bekommen soll.
Natürlich darf niemand komplett untergehen, nur weil er vorher eine falsche Entscheidung getroffen hat.
Aber man muss die Frage stellen dürfen:
Warum soll die Allgemeinheit nach jedem Großschaden die Folgen übernehmen, während vorher jeder Eigentümer frei entscheiden darf, ob er sein Haus überhaupt vernünftig versichert?
Beim Auto gibt es eine Pflichtversicherung.
Weil man Schäden verursachen kann, die andere Menschen ruinieren.
Warum gibt es nicht wenigstens eine verpflichtende Grundabsicherung für Gebäude gegen große Naturgefahren?
Nicht für jeden Kratzer.
Nicht für jede Gartenhütte.
Aber für Schäden, die eine Existenz gefährden können.
Damit nicht nach jedem Hagel, jedem Hochwasser und jedem Sturm wieder dieselbe Diskussion beginnt.
Wer bekommt Hilfe?
Wie viel?
Aus welchem Topf?
Mit welchem Antrag?
Und warum bekommt der eine etwas und der andere nichts?
Die Politik repariert nachher mit Steuergeld, was man vorher durch eine vernünftige Grundabsicherung zumindest teilweise hätte auffangen können.
Das ist ungefähr so, als würde man Rauchmelder ablehnen und nach dem Brand Zuschüsse für neue Möbel verteilen.
Drei Jahre nach diesem Hagel ist bei mir deshalb nicht nur die Erinnerung an kaputte Dächer geblieben.
Es ist vor allem die Erkenntnis geblieben, wie schnell bei einem solchen Ereignis sämtliche Masken fallen.
Bei Hausbesitzern.
Bei Handwerkern.
Bei Versicherungen.
Bei Sachverständigen.
Und bei der Politik.
Die einen helfen.
Die anderen nutzen aus.
Die einen arbeiten fachlich.
Die anderen verkaufen Pfusch als schnelle und unbürokratische Lösung.
Die einen halten ihre Zusagen.
Die anderen können sich später an nichts mehr erinnern.
Versicherungen verkaufen gerne Regenschirme.
Schöne Hochglanzbroschüren.
Persönlicher Ansprechpartner.
„Wir sind für Sie da.“
Wenn es dann aber richtig regnet, stellt man fest, dass der Regenschirm erstaunlich viele Löcher hat.
Und anschließend wird darüber diskutiert, ob diese Löcher möglicherweise schon vorher vorhanden waren.
Natürlich gibt es gute Versicherungsmitarbeiter.
Gute Makler.
Gute Sachbearbeiter.
Gute Sachverständige.
Und es gab nach dem Hagel viele hervorragende Handwerker und Helfer, die unter schwierigsten Bedingungen wirklich alles gegeben haben.
Auch das gehört zur Wahrheit.
Aber genauso gehört zur Wahrheit, dass viel Vertrauen zerstört wurde.
Nicht nur durch den Hagel.
Sondern durch das, was danach kam.
Durch leere Versprechen.
Durch Verzögerungen.
Durch fachlichen Unsinn.
Durch Kürzungen nach Gutsherrenart.
Durch Pfusch.
Und durch Menschen, die Verantwortung immer genau dort vermuten, wo sie selbst gerade nicht stehen.
Warum schreibe ich das nach drei Jahren?
Weil der nächste Hagel kommen wird.
Oder der nächste Sturm.
Oder das nächste Hochwasser.
Und dann beginnt das ganze Spiel von vorne, wenn wir nichts daraus lernen.
Hausbesitzer müssen vorsorgen.
Handwerker müssen bei dem bleiben, was sie tatsächlich können.
Arbeitssicherheit ist nicht verhandelbar.
Sachverständige sollten nur Dinge beurteilen, von denen sie auch wirklich Ahnung haben.
Versicherungen müssen das bezahlen, was sie ihren Kunden jahrelang verkauft haben.
Und die Politik sollte vielleicht einmal über das Thema nachdenken, bevor das nächste Dach kaputt ist.
Die Natur wartet nämlich nicht auf einen ausgefüllten Antrag.
Und sie interessiert sich auch nicht für eine Fehlauskunft.
Ihr Markus Greiner Dachdeckermeister
Greiner wenns guad wern soi