30/07/2026
In eigener Sache – oder: Wie ich Verpackungshersteller wurde, ohne es zu merken
Wer mich kennt, weiß: Ich jammere nicht. „Just do it" war dreißig Jahre lang meine Geschäftsstrategie, meine Altersvorsorge und mein Blutdruckmittel. Man wird nicht drei Jahrzehnte lang Unternehmer in Deutschland, wenn man bei jedem Formular in Tränen ausbricht. Man weint höchstens still, beim Lochen.
Aber jetzt reicht es. Und weil Ephraim Kishon leider nicht mehr schreiben kann, tue ich es.
Akt 1: Der Schwarzarbeiter mit dem Musterkoffer
Neulich erfuhr ich, dass ich für jede Dienstreise ins EU-Ausland eine A1-Bescheinigung brauche. Auch als Selbständiger. Für jeden Kundenbesuch. Einzeln. Vorher zu beantragen. Bitter wenn man im Grenzgebiet zu F, CH, A arbeitet.
Die A1-Bescheinigung beweist den Behörden in Wien oder Zürich, dass ich – Achtung, festhalten – bei mir selbst angestellt bin und mich nicht heimlich von mir selbst zum Dumpinglohn ausbeute. Ich habe lange überlegt, wie ich mich bei einem Kundentermin in Vorarlberg selbst schwarzarbeiten lassen könnte. Es ist mir logistisch nicht gelungen. Ich hätte mich ja anzeigen müssen, und dann säßen wir beide da, ich und ich, und einer von uns hätte Anspruch auf Mindestlohn.
Das Schöne daran: Der Kunde ruft montags an und braucht mich mittwochs. Die Bescheinigung kommt gerne mal später. Ich lebe von Schnelligkeit – das ist im Mittelstand die einzige Existenzberechtigung, die uns gegenüber Asien geblieben ist. Aber die Schnelligkeit muss jetzt bitte vorher schriftlich beantragt werden.
Akt 2: Die wundersame Verwandlung
Seit Neuestem bin ich außerdem Verpackungshersteller. Ich habe keine Maschine gekauft, keine Fabrik gebaut, keinen einzigen Karton produziert. Ich habe einen Versandaufkleber auf einen gekauften Karton geklebt.
Zack. Hersteller
Ich klebe morgens manchmal auch ein Pflaster auf meinen Finger – vermutlich bin ich jetzt zulassungspflichtiges Medizinproduktewerk. Meine Frau hat gestern eine Kerze angezündet, wir prüfen gerade, ob wir ein Energieversorgungsunternehmen sind und der Bundesnetzagentur gemeldet werden müssen.
Einen Betriebsarzt habe ich übrigens auch. Für drei Angestellte. Er hat uns noch nie gesehen, aber es geht uns allen nachweislich gut – wir haben eine Bescheinigung darüber.
Akt 3: Nähgarn, das gefährlichste Gut Europas
Der vorläufige Höhepunkt: Wer als Großhändler in andere EU-Länder versendet, braucht demnächst in jedem einzelnen Land eine eigene Registrierung und einen dort ansässigen Bevollmächtigten. Pro Land. Frankreich, Italien, Österreich, Spanien, Portugal – überall ein eigener Vertreter, ein eigenes Register, eigene Meldungen, eigene Gebühren.
Wir verkaufen Nähgarn, Reflexband. Keine Goldbarren, kein Plutonium, keine Staatsgeheimnisse. Nähgarn.
Ich habe kurz durchgerechnet, was es kostet, in 27 Ländern jemanden dafür zu bezahlen, dass er den Behörden versichert, dass unser Karton ein Karton ist. Das Ergebnis: Wir stellen den EU-Versand ein. Einfach so. Wie viele Kollegen übrigens auch – fragen Sie mal herum, es ist gerade die stillste Massenflucht Europas. Der Binnenmarkt, das größte Freihandelsprojekt der Geschichte, scheitert bei uns an einem Versandaufkleber.
Europa wollte Grenzen abschaffen. Gelungen ist: Die Schlagbäume sind weg (eigentlich auch nicht..), dafür steht jetzt an jeder Grenze ein Formular. Das Formular hat einen Bevollmächtigten. Der Bevollmächtigte hat ein Register. Das Register hat eine Frist. Und die Frist hat mich.
Epilog
Herr Palmer, Sie haben in Tübingen bewiesen, dass man Verwaltung auch pragmatisch denken kann und räumen bald „ In the Länd auf“ – wollen Sie nicht mal bei der EU anfangen? Ich lege auch ein gutes Wort ein. Handschriftlich. In dreifacher Ausfertigung. Mit Bevollmächtigtem.
Ich bin seit 30 Jahren selbständig. Ich habe Ölkrisen-Nachwehen, Wiedervereinigung, Euro-Umstellung, Finanzkrise, Pandemie und gerissene Lieferketten überstanden. Woran ich gerade scheitere, ist ein Aufkleber auf einem Karton.
Wo sind wir eigentlich gelandet?
Ihr Bernd Kunkler – Unternehmer, Verpackungshersteller wider Willen, mutmaßlicher Selbst-Schwarzarbeiter (ohne Porsche und Rolex)
P.S.: Dieser Beitrag wurde ohne Genehmigung verfasst. Ich bitte, das zu entschuldigen. Ein Antrag ist gestellt.