15/06/2026
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"Jedes Jahr wird Strom für drei Milliarden Euro weggeworfen", sagt Wirtschaftsministerin Katherina Reiche. Der Satz ist eingängig. Und er ist irreführend.
Marlies Uken hat in der ZEIT seziert, was hinter Reiches Ökostromreform wirklich steckt - und warum eine Reform, die mit "mehr Kosteneffizienz" wirbt, die Strompreise am Ende nach oben treiben könnte. Eine der klügsten Einordnungen zu diesem Thema, die wir derzeit gelesen haben.
Worum geht es?
Wenn im Norden zu viel Wind- und Solarstrom im Netz ist, werden Anlagen abgeregelt. Im Süden springen dafür Gas- und Kohlekraftwerke an. Dieses regionale Umsortieren heißt Redispatch und kostete 2025 rund 3,1 Milliarden Euro.
Reiches Erzählung: Das sei verschwendetes Geld der Erneuerbaren. Die Zahlen sagen etwas anderes.
Der Strom wird nicht "weggeworfen" - er wird gar nicht erst produziert. Über 96 Prozent des Grünstroms erreichen trotz Engpässen die Verbraucher. Und der teure Batzen sind nicht die Entschädigungen für abgeregelte Windräder. Die machen nach Schätzungen der Netzbetreiber nur etwa fünf Prozent der Engpasskosten aus. Der große Rest entsteht durch das Hochfahren der fossilen Reservekraftwerke im Süden.
Die eigentliche Ursache ist seit Jahren bekannt: der schleppende Netzausbau. Die Stromautobahnen vom Norden in den Süden wurden auf Druck von Horst Seehofer als teure Erdkabel geplant, ohne die Genehmigungen zu beschleunigen. Jetzt sind zentrale Trassen Jahre in Verzug.
Reiches Antwort darauf ist der sogenannte Redispatch-Vorbehalt: In Engpassgebieten sollen neue Ökostromanlagen zehn Jahre lang keine Entschädigung mehr bekommen. Klingt nach Sparen. Ist aber das Gegenteil.
Denn ohne verlässliche Vergütung verlangen Banken Risikoaufschläge für Wind- und Solarparks. Die Projekte werden teurer, die Ausschreibungen teurer - und die Kosten landen am Ende bei allen Stromkunden. Das Umweltbundesamt schätzt die Mehrkosten allein für die geplanten Windausschreibungen bis 2030 auf bis zu 40 Milliarden Euro.
Besonders bitter: Treffen würde es ausgerechnet die Windkraft an Land, also die günstigste Erzeugungstechnologie, die wir haben.
Das ist das fossile Muster in Reinform: Ein echtes Problem - der fehlende Netzausbau - wird zum Hebel gemacht, um die billigste saubere Technologie auszubremsen. Wer die Erneuerbaren für die Folgekosten des verschleppten Netzausbaus zahlen lässt, repariert nicht das System. Er bestraft die Lösung.
Die Zahlen hinter Reiches "Drei-Milliarden"-Satz haben wir schon im März auseinandergenommen:
https://www.cleanthinking.de/faktencheck-redispatch-drei-milliarden/
Die ganze Analyse von Marlies Uken in der ZEIT ist die Lesezeit wert - Link im ersten Kommentar.
Quellen: DIE ZEIT (Marlies Uken, "Warum Reiches Reform die Energiewende noch teurer machen könnte", 11. Juni 2026) / Umweltbundesamt / Fraunhofer ISE / Cleanthinking-Faktencheck Redispatch
Bild: Foto von Thomas Despeyroux auf Unsplash